Rheinländer:

Herkunft und Zuchtgeschichte des Rheinländerhuhnes

Die Entstehung des Rheinländerhuhnes fällt in eine Zeit des großen Umbruchs in der europäischen Geflügelzucht. Bis zum Ende des 19. Jahrhunderts dominierten hier lokale Landhuhnschläge, die sich in ihrem Erscheinungsbild weitgehend ähnelten und durch eine ursprüngliche Landhuhnform, überwiegend blaue bis dunkle Läufe, zumeist kleine, weiße, teils rot gerandete Ohrscheiben und eine weiße Eischalenfarbe gekennzeichnet waren. Farblich variierten sie stark, besonders häufig waren die Wildfarben-Varianten Rebhuhnhalsig und Silberhalsig, daneben kamen Schwarze, Weiße, Gesperberte und zahlreiche andere Farben und Zeichnungen vor. Im Norden Deutschlands und den angrenzenden Niederlanden waren gesprenkelte und getupfte Varianten besonders häufig. Ebenso bestand keine Einheitlichkeit hinsichtlich der Kammformen: Einfachkämme und Rosenkämme traten nebeneinander, zumeist im gleichen Bestand, auf. Hinzu kamen die Hauben- und Barthühner mit Hörner-, Geweih- oder Schmetterlingskämmen und, aus der Kombination dieser mit Landhühnern, nicht wenige beschopfte oder bärtige Schläge wie die Vorfahren der Altsteirer, Sulmtaler oder Thüringer Barthühner. Alle diese Landhuhnschläge waren gut an die klimatischen Bedingungen Mitteleuropas angepasst, wiesen jedoch meist nur eine mittlere Lege- und Fleischleistung auf.

Diese Situation änderte sich völlig, als in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts neue Rassen aus dem Mittelmeerraum (Minorka, Italiener) und Ostasien (Cochin, Brahma, Langschan) eingeführt wurden. Während erstere durch gute Legeleistung und hohe Eigewichte auf sich aufmerksam machten, sorgten letztere durch ihre enorme Körpergröße und die bis dato unbekannten Proportionen für Aufsehen. Bedingt durch ihre Leistungseigenschaften verdrängten Italiener und Minorka schnell die ursprünglichen Landhühner von den Höfen, sodass von ihnen bald nur noch Restbestände, vorwiegend in abgelegenen Gegenden, vorhanden waren.

Zu dieser Zeit züchtete auch Dr. Hans Rudolf von Langen, ein Kölner Fabrikant, rebhuhnhalsige Italiener. Jedoch hatten seine Tiere häufig mit Krankheiten zu kämpfen und, obwohl sie große Eier legten, konnte ihn auch die Legeleistung nicht völlig überzeugen. Inspiriert durch einen Artikel in einer Geflügelzeitung des Jahres 1895 wurde er auf das alte deutsche Landhuhn aufmerksam und begann nun, nach Restbeständen dieses Huhnes zu suchen. Noch im selben Jahr wurde er in einigen abgelegenen Dörfern der Eifel fündig. Die dortigen Landhühner waren ganz offensichtlich frei von Einkreuzungen mediterraner Rassen. Er beschrieb sie als lebhafte, jedoch nicht scheue Tiere mit grauen bis schwarzen Beinen, kleinen weißen Ohrscheiben und kleinen Kämmen, wobei der Rosenkamm gegenüber dem Einfachkamm vorherrschend war. Die Hähne zeigten gut ausgeprägte Sicheln, die Hennen einen fächerartigen Schwanz. Auch Tiere mit Schopf und Bartbildung waren anzutreffen. Farblich gab es zahlreiche Varianten, am häufigsten waren Rebhuhnhalsige und Silberhalsige. In Körpergröße und Eigewicht standen sie den Italiener nach, legten jedoch sehr gut.

 

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Diese Eifeler Landhühner standen vermutlich den aus dem angrenzenden Belgien stammenden Ardennern und den mit diesen verwandten französischen Gauloise dorée, die beide noch heute diesen ursprünglichen Typ zumindest zum Teil verkörpern, nahe.

Dr. von Langen konnte einige Tiere erwerben und stellte in der Folge stellte er fest, dass sie weitaus weniger anfällig gegenüber Krankheiten und Parasiten waren als die im gleichen Stall untergebrachten Italiener. Daher entschloss sich, sie im fortan silberhalsigen Farbenschlag zu züchten.

Bereits 1897 stellte er sie mehrfach aus. Und obwohl sie mit Preisen bedacht wurden, fanden sie zunächst nur wenig Beachtung.

Ungeachtet dessen führte er die Zucht weiter fort. Da er zu Steigerung des Körpergewichts keine heimische silberhalsige Rasse vorfand, nahm er schon 1986 Kreuzungen mit einer Bergischen Kräher- und einer Ramelsloher-Henne vor, um so rebhuhnhalsige und weiße Tiere zu erhalten.

Er verfolgte diese Pläne jedoch nicht weiter, nachdem er 1897 bei einer Kölner Schau einen Stamm Le Mans entdeckte und auch sogleich erwerben konnte. Dieses schwarze französische Landhuhn ähnelte figürlich den Eifeler Hühnern, hatte zudem einen Rosenkamm, weiße Ohrscheiben und dunkle Läufe. Es war für eine Einkreuzung geradezu prädestiniert und bildete damit zusammen mit dem Eifeler Landhuhn die Basis für unsere heutigen Rheinländer. Von diesem Huhn haben die Rheinländer ihre schwarze Farbe erhalten und vermutlich wohl auch das feinfaserige Fleisch, für das die Le Mans in ihrem Heimatland bekannt waren. Leider ist die Rasse in Frankreich vollständig ausgestorben, die heute gezeigten Tiere sind das Ergebnis einer neuen Erzüchtung auf Basis von La Flèche, Belgischen Kämpfern und der französischen „Schwesterrasse“ der Rheinländer, den auf dem nah verwandten Landhuhn der Vogesen basierenden Elsässern.

Schwarze Hennen konnte Dr. von Langen sehr schnell erhalten, es dauerte jedoch fünf Jahre, bis er den ersten rein schwarzen Hahn ohne farbige Halszeichnung vorweisen konnte.

Die Bevorzugung der schwarzen Farbe war auch der Annahme geschuldet, dass schwarze Tiere als den wehrhaften Rabenvögeln ähnlich, von Greifvögeln weniger angegriffen würden.

Die folgenden Jahre standen im Zeichen der Selektion auf Leistungseigenschaften. Den Fokus bildeten drei Schwerpunkte:

1. Erhaltung der guten Eigenschaften, sprich Genügsamkeit, Temperament, Zutraulichkeit, Wetterfestigkeit und Krankheitsresistenz.

2. Erhöhung der Eierproduktion durch Auswahl geeigneter Hennen mit einer Legeleistung von mindestens 180 Eiern in den ersten Lebensjahren.

3. Erhöhung des Fleischansatzes durch gezielte Zuchtwahl.

Extrem hilfreich war dabei die Entwicklung des Fallnestes, das ab dem Jahr 1900 zum Einsatz kam und mit dessen Hilfe die Legetätigkeit der Hennen kontrolliert werden konnte.

Besondere Bedeutung für die Etablierung der Rasse hatte das Jahr 1907, als das „erste deutsche Wettlegen“ in Berlin stattfand. Dabei wurde die Legeleistung von Stämmen verschiedener Rassen über ein Jahr geprüft. Die Eifeler Hühner gingen dabei als Sieger vor einem Stamm weißer Wyandotten hervor, was deren Popularität und Verbreitung auch über die Grenzen Deutschlands hinaus erheblich voran brachte. Aus heutiger Sicht ist die Herauszüchtung der Rheinländer in zweierlei Hinsicht eine Erfolgsgeschichte: Einerseits wurde so ein leistungsstarkes Wirtschaftshuhn geschaffen, andererseits war es der äußerst erfolgreiche Versuch, heimische Landhuhnschläge durch eine gezielte Zucht konkurrenzfähig zu machen und auf diese Weise der Nachwelt zu erhalten. Über viele Jahrzehnte waren die Rheinländer die einzige hiesige Landhuhnrasse, die in nennenswerter Zahl gezüchtet und präsentiert wurde.

Nach dem siegreichen Wettlegen kam vorübergehend die Idee auf, die Eifeler Hühner zusammen mit den im Erscheinungsbild ähnlichen Elsässern und rosenkämmigen Minorka unter dem Namen „Rosenkämmige Rheinländer“ zusammenzufassen. Diese Idee wurde zwar verworfen, aber der Name blieb: Am 14. Mai 1908 fanden sich die Züchter der Eifeler Hühner zur Gründung des „Rheinländer Züchter-Klubs“ zusammen. Im selben Jahr wurde der Standard erstellt. Die steigenden Popularität spiegelte sich auch im Ausstellungswesen wieder. 1911 wurden in Köln 57, im darauffolgenden Jahr 45 Tiere von 34 Züchtern gezeigt.

1909 griff Dr. von Langen die 1897 aufgegebene Zucht weißer Rheinländer wieder auf, indem er weiße Ramelsloher-Hennen einkreuzte. 1928 zeigte er bei einer Schau in Düsseldorf schon sehr ansprechende Tiere.

Rebhuhnhalsige wurden erstmals 1911 gezeigt, wobei unklar bleibt, ob es sich dabei um Zufallsprodukte aus der Entwicklungsphase der Schwarzen handelte oder diese gezielt über eine Einkreuzung entstanden. Sicher ist, dass später rebhuhnhalsige Italiener eingesetzt wurden. Der Farbenschlag erfreute sich in den 1930er Jahren besonders in Sachsen und Thüringen großer Beliebtheit, bevor nach dem zweiten Weltkrieg die Zuchtbasis erneut aufgebaut werden musste.

Gesperberte entstanden in der Zucht von Dr. von Langen ab 1930 auf Basis schwarzer Rheinländer und Deutscher Sperber, Blau-Gesäumte später mithilfe von Andalusiern.

 

 

Die „Ursprungsfarbe“ Silberhalsig war nach dem Fokus auf den schwarzen Farbenschlag ab 1897 vollständig verloren gegangen. Erst 1968 startete Friedrich Adam Lutz aus Lampertheim einen Neuanfang mit rebhuhnhalsigen Rheinländern und den im Typ ähnlichen Westfälischen Totlegern, die den Silberfaktor einbrachten. Bereits 1970 konnte er erste typische Tiere präsentieren.

 

 

Als neue Farbenschläge sind in den letzten Jahren Orangehalsige, Blau-rebhuhnhalsige, Blau-Silberhalsige und Weiß-Schwarzcolumbia-farbige entstanden, wobei entweder bereits vorhandene Farbenschläge kombiniert wurden (blau-rebhuhnhalsig, blau-silberhalsig) oder die entsprechenden Farbvarianten der Italiener hinzugenommen wurden.

 

Hier sieht man eine schwarze Rheinländer-Henne im heutigen Typ. Sie sollte allerdings noch etwas länger sein.